Wie die USA und die Sowjetunion Poliomyelitis (Polio) besiegt haben und was die Länder daran hindert, sich heute im Kampf gegen COVID-19 ihre Kräfte zusammenzuschließen
Der 24. Oktober ist der Weltpolio-Tag. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde diese Krankheit in vielen Ländern zu einer nationalen Katastrophe. Sie forderte Tausende von Menschenleben, etwa 40% der Kranken wurden behindert. Der führende Spezialist des Gamaleya Scientific Center für Epidemiologie und Mikrobiologie, Fedor Lisitsyn erzählte über den Grund, warum die ideologischen Gegner - die USA und die Sowjetunion- Polio besiegen konnten und wie sich herausstellte, dass die Welt heute nicht bereit war, im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie zusammenzuarbeiten.
- Der 24. Oktober ist der Weltpolio-Tag. Mitte des 20. Jahrhunderts konnten die Wissenschaftler aus der Sowjetunion und den USA gemeinsam, diese gefährlichste Krankheit besiegen. Wie ist es ihnen gelungen? Der Kalte Krieg tobte, die ideologische Konfrontation war in vollem Gange ...
- Der wichtigste Unterschied zwischen damals und heute besteht darin, dass die Finanzkreise das geringere Interesse daran haben. In damaliger Zeit verstand jeder Forscher, dass seine Entdeckung für ihn persönlich anerkannt werden wird. Alle diese Leute waren namentlich bekannt. Und das Ziel des Erfinders war nicht, ein Startup zu gründen, an die Börse zu gehen und von einem großen Pharmaunternehmen gekauft zu werden, sondern eine Lehrstelle an einer bekannten Universität oder einen Job in einer großen Klinik zu bekommen.
Das angelsächsische Wissenschaftsmodell von damals ist eine Universitätswissenschaft: Ein Wissenschaftler musste an einem College oder einer Universität die Unterrichte geben. Bei uns: um ein Labor oder einen Platz an einem Institut zu bekommen. Es gab kein solches Rennen um Geld. Die kapitalistische Wissenschaft war damals nicht so auf materielle Werte orientiert.
Die ganze Spionage-Hysterie hörte dort auf, wo gemeinsame Arbeiten erschienen, die von beiden Seiten erkannt wurden. Die Forschung zu Polio wurde von einer auf die Initiative von Präsident Roosevelt eingesetzten Kommission "geweiht".
Wir haben keine Beweise dafür, dass Stalin und Roosevelt in Jalta oder Teheran über Polio gesprochen haben. Aber irgendwie stellte es sich so heraus, dass die Staats- und Regierungschefs beider Länder von diesen Studien wussten und sie nicht verhinderten. Anscheinend gab es einen Befehl, dies nicht als Spionageoperation zu betrachten.
Im Fall der Virologie haben wir ein großes Glück: An den Ursprüngen der sowjetischen Virologie stand Dmitry Ivanovsky, der das erste Tabakmosaikvirus entdeckte.
Die ganze Spionage-Hysterie hörte dort auf, wo gemeinsame Arbeiten erschienen, die von beiden Seiten erkannt wurden. Die Forschung zu Polio wurde von einer auf die Initiative von Präsident Roosevelt eingesetzten Kommission "geweiht".
Wir haben keine Beweise dafür, dass Stalin und Roosevelt in Jalta oder Teheran über Polio gesprochen haben. Aber irgendwie stellte es sich so heraus, dass die Staats- und Regierungschefs beider Länder von diesen Studien wussten und sie nicht verhinderten. Anscheinend gab es einen Befehl, dies nicht als Spionageoperation zu betrachten.
Im Fall der Virologie haben wir ein großes Glück: An den Ursprüngen der sowjetischen Virologie stand Dmitry Ivanovsky, der das erste Tabakmosaikvirus entdeckte.
Und jetzt, stellen Sie sich vor, der damalige Nobelpreisträger Wendell Stanley kam in die Sowjetunion, suchte nach den Leuten, die mit Ivanovsky zusammengearbeitet hatten und - fand sie! Und in der amerikanischen Presse beginnt er lobend über den Entwicklungsstand der sowjetischen Virologie zu schreiben. Wendell Stanley war ein Mann des höchsten moralischen Charakters und Gewissen in der Wissenschaft, der Standard der Gerechtigkeit und der Genauigkeit der Bewertung.
Die Lage war äußerst kompliziert, aber sobald es einen Fall für die internationale Zusammenarbeit, den Meinungsaustausch, die wissenschaftliche Literatur gab, nahm der Verdacht sein Ende. Dies war bei Polio der Fall, aber nicht nur. In den 50er und 60er Jahren gab es eine Zusammenarbeit, und in den 70er Jahren kamen die Franzosen in die Sowjetunion. Darüber hinaus durften sie sogar die geschlossenen wissenschaftlichen Zentren betreten.
- Heute in der Zeit der Pandemie schlägt Russland vor, internationale Zusammenarbeit im Kampf gegen COVID-19 zu etablieren. Aber es hat noch keine Resonanz hervorgerufen. Wozu kann das führen?
- Als der Sowjetunion im Jahr 1991 zusammenbrach, fingen wir an, als bitterer Witz, den Kapitalismus aufzubauen, wie es sich die sowjetische Propaganda mit ihren unparteiischsten Merkmalen vorstellte, und die Amerikaner begannen, den Sozialismus aufzubauen, wie es sich die amerikanischen Sowjetologen vorstellten, mit all dem Unsinn und Verzerrungen.
Und jetzt haben sie dort unseren sowjetischen Sozialismus in paranoider Form – es gibt Feinde überall, und russische Wissenschaftler sind Agenten des Kremls und interessieren sich für Destabilisierung der westlichen Forschung. Aufs Ganze gesehen sollen Sie sollen keine Logik von der Propaganda fordern.
Von außen sieht die Situation schrecklich aus. Die Coronavirus-Pandemie dauert seit fast einem Jahr, und in den USA hat die Regierung noch kein einziges Koordinierungszentrum für die Coronavirus-Forschung aufgebaut. In China wurde sofort ein solches Koordinierungszentrum gegründet. Sie haben drei Impfstoffe, die im Rahmen eines landesweiten Projekts hergestellt werden. Es gibt auch eine Initiative privater chinesischer Unternehmen außerhalb dieses Projekts, die miteinander interagieren. Es wird das einzige Behandlungsprotokoll geführt.
- Das heißt, im 20. Jahrhundert konnten die Sowjetunion und die USA die Axt des Kalten Krieges für die Bekämpfung der Polio vorübergehend begraben. Und heute, im 21. Jahrhundert, werden wir keine gemeinsame Sprache finden können? Ist es wirklich unmöglich, wie im letzten Jahrhundert eine Zusammenarbeit zwischen den Ländern im Kampf gegen Epidemien zu etablieren?
- Die Menschheit als Ganzes ist gieriger geworden, zu sehr auf das Geld fixiert. Die Münze ist ein Wertmesser für alles, vor allem für den Erfolg. Konsequenterweise führt jedes Ereignis - ein Brand in Australien, eine Coronavirus-Epidemie oder ein Mangel an Fischen im Ozean - zu der Frage: "Was kann ich davon erwirtschaften?" Und man soll die Probleme in diejenigen aufzuteilen, die gelöst werden müssen, um zu überleben, und die Probleme, von welchen man verdienen kann. Jetzt gibt es keine solche Aufteilung.
Interview mit Oleg Osipov
Übersetzt von Julia Belasheva